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aus der Zeitschrift "Grenzenlos"

Ausgabe Juni 2003 / Auflage: 80 000

Chiropraktik - Handarbeit an Muskeln, Nerven und Gelenken

Eigenständiger Heilberuf zwischen Orthopädie, Neuroloqie, Innerer Medizin und Rheumatoloqie. Wirksamkeit durch wissenschaftliche Studien belegt.

Von Michael Hafer

Jeder dritte Erwachsene in Deutschland leidet unter Rückenschmerzen. In den meisten Fällen von akuten Schmerzen erholen sich die Patienten innerhalb von 6 Wochen, aber 15% haben länger andauernde Beschwerden. Die kleine Gruppe, welche auch nach 3 Monaten noch dann unter chronischen Schmerzen leidet, verursacht jedoch etwa 80% der Gesamtkosten dieses Gesundheitsproblems. Und diese Kosten sind immens: In Deutschland gehen 70 Millionen Krankheitstage im Jahr auf das Kontovon Rückenschmerzen und kosten die Volkswirtschaft rund 80 Milliarden Mark. Wirbelsäulenerkrankungen liegen auch bei den Krankmeldungen am Arbeitsplatz an erster Stelle und 60% aller vorzeitigen Rentenanträge werden wegen
Rückenschmerzen gestellt. Kein Wunder, dass zum einen der Heilberuf des Chiropraktors in den letzten Jahren auf großes Interesse stößt und die Praxen dieser ganzheitlich arbeitenden Therapeuten in aller Regel sehr gut besucht sind. Michael Hafer erläutert, was die Chiropraktik und Chiropraktoren zu leisten in der Lage sind.

Das ist Chiropraktik

Laut Definition der World Federation of Chiropractic (WFC) ist die Chiropraktik ein Gesundheitsberuf, der sich die Diagnose, Behandlung und Prävention mechanisch bedingter Störungen des Muskel-Skelett-Systems sowie der Auswirkungen dieser Störungen auf das Nervensystem und die allgemeine Gesundheit zur Aufgabe gemacht hat.Fußend auf Jahrtausende alten Wurzeln, wurde die Chiropraktik als selbständige Disziplin der wissenschaftlichen Heilkunde 1895 von dem aus Kanada stammenden Amerikaner Daniel David Palmer in Davenport/lowa begründet. Der Begriff Chiropraktik wurde aus zwei griechischen Worten geschaffen und bedeutet sinngemäß „mit der Hand behandeln". In der westlichen Welt ist die Chiropraktik heute nach der Schul- und Zahnmedizin einer der bedeutendsten eigenständigen Heilberufe. Sie nimmt eine wichtige Position zwischen Orthopädie, Neurologie, Innerer Medizin und Rheumatologie ein. Ihre Effektivität ist durch zahllose Studien wissenschaftlich nachgewiesen

Das alles behandelt der Chiropraktor

Wichtig: Grundsätzlich können Menschen jeden Alters chiropraktisch behandelt werden. Studien in Australien, Nordamerika und Europa haben gezeigt, daß etwa 80 Prozent der Patienten, die einen Chiropraktor aufsuchen, an Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule leiden. Dies können Beschwerden im Bereich der Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule mit oder ohne Ausstrahlungen in Arme und Beine sein. So können z.B. Nackenschmerzen, Muskelverspannungen im Schulter-, Halsbereich, Folgezustände von Distorsionen der Halswirbelsäule (sogenannte Schleudertraumen), Intercostalneuralgien und -myalgien (Schmerzen im Bereich der Rippen), Ischialgien, Lumbago (Hexenschuss) sowie bestimmte Formen von Bandscheibenvorfällen oder -protrusionen erfolgreich behandelt werden. Auch die Behandlung von Schmerzen und Bewegungseinschränkungen an Gelenken der Arme und Beine fällt in das Aufgabengebiet des Chiropraktors. Etwa zehn Prozent der Patienten leiden unter Kopfschmerzen und / oder Migräne und weitere zehn Prozent gehen zum Chiropraktor wegen verschiedener anderer Beschwerden,die, scheinbar organischen Ursprungs, ihre wahre Ursache in einer funktionellen Störung von Wirbelsäulengelenken haben. Zu nennen wären hier z.B. Pseudoangina Pectoris, bestimmte Formen von Tinnitus, Schwindel, primäre Dysmenorrhoe (Menstruationsbeschwerden), manche Formen von Atmungs- und Verdauungsstörungen, die sogenannten Drei-Monatskoliken von Säuglingen. Grundsätzlich ist zu sagen, dass der Schwerpunkt chiropraktischer Tätigkeit nicht so sehr auf der Behandlung einzelner Symptome liegt, sondern auf der Wiederherstellung beziehungsweise der Verbesserung der Integrität des Nerven - Muskel - Skelettsystems.

So behandelt der Chiropraktor

Die Aufgabe des Chiropraktors ist es, funktioneile Störungen an den Gelenken der Wirbelsäule, des Beckens und der Extremitäten sowie an den Muskeln und Bändern, die diese Gelenke bewegen, zu diagnostizieren und nach sorgfältiger Klärung der Ursachen zu behandeln. Vor Beginn der Behandlung wird die Krankengeschichte aufgenommen, wobei nicht nur nach den gegenwärtigen Beschwerden, sondern auch nach früheren Krankheiten, Operationen und Unfällen gefragt wird. Es ist wichtig, daß der Chiropraktor ein möglichst vollständiges Bild vom Gesundheitszustand seines Patienten bekommt. Auf die Anamnese folgt die körperliche Untersuchung. Der/die Patient/in entkleidet sich bis auf die Unterwäsche. Er/sie wird zunächst genau betrachtet. Es folgen orthopädische und neurologische Tests sowie spezielle chiropraktische Untersuchungsmethoden, wobei die statische Palpation (Abtasten), sowie die Prüfung von Beweglichkeit und Gelenkspiel im Bereich der Wirbelsäule, des Beckens und der Extremitäten eine wichtige Rolle spielen. Wenn nötig werden auch andere Körperfunktionen untersucht (Blutdruckmessung, Abhören von Herz und Lungen usw.). Häufig sind zur Sicherung der Diagnose auch Röntgenaufnahmen erforderlich.
Ist der Chiropraktor nach Abschluss der Untersuchung der Meinung, dass der Fall in seinen Kompetenzbereich fällt, wird ein Behandlungsplan erstellt und mit dem Patienten besprochen.
In der Regel werden fünf bis zehn Behandlungssitzungen erforderlich sein. In Fällen, in denen der Chiropraktor nicht oder nur teilweise zuständig ist, wird der Patient an den jeweils zuständigen Spezialisten überwiesen. Chiropraktoren verzichten bewusst auf den Einsatz von Medikamenten und Operationen. Kernstück chiropraktischer Tätigkeit ist die gezielte manuelle Justierung blockierter Gelenke (engl.: adjustment). Hierbei wird das betreffende Gelenk in einer bestimmten Richtung in Vorspannung gebracht und mit einem schnellen Impuls von sehr geringer Amplitude leicht über seine momentane Bewegungsgrenze hinaus bewegt, ohne seine anatomischen Grenzen zu überschreiten.Dies ist oft mit einem hörbaren, aber schmerzfreien und völlig ungefährlichen Knacken verbunden, das durch das Kollabieren von Gasblasen im Gelenkspalt hervorgerufen wird.Die beteiligten Strukturen des Gelenkes werden bei dieser Prozedur nicht verschoben. Es wird also nicht eingerenkt, und es kommt daher auch nicht zu einem Ausleiern oder Überdehnen des Bandapparates. Zusätzlich stehen dem Chiropraktor auch impulsfreie Techniken zur Wieder- herstellung der Gelenkfunktion zur Verfügung. Oft wird diese Behandlung noch ergänzt durch andere Therapiekomponenten wie z.B. Triggerpunktbehandlung, Stretching, Kryotherapie, orthopädischer Ausgleich eines verkürzten Beines, Beratung und Betreuung bezüglich Haltungs- und Bewegungsgewohnheiten, Anleitung zur Durchführung von Übungen usw. Die Motivation und die möglichst frühzeitige Aktivierung und Rückkehr des Patienten in das Berufsleben spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Ein Chiropraktor wird seinen Patienten immer als Ganzheit betrachten. Er wird grundsätzlich die gesamte Wirbelsäule untersuchen und - wenn nötig -behandeln, unabhängig vom Ort der momentanen Beschwerden des Patienten. Ebenso wird er versuchen, die psychische Situation zu berücksichtigen.

Risiken und Komplikationen

Durch einen qualifizierten Chiropraktor ausgeführt, bietet die Chiropraktik eine ausgesprochen risikoarme Behandlungsmöglichkeit von Erkrankungen biomechanischen Ursprungs.
Wird die Muskulatur behandelt, können einige Stunden bis Tage später muskuläre Schmerzen auftreten, die, besonders wenn sie mit Eis behandelt werden, schnell verschwinden und völlig ungefährlich sind. Werden Gelenke an Armen und Beinen chiropraktisch korrekt behandelt, sind damit keine Risiken verbunden. Auch die chiropraktische Behandlung der Wirbelsäule ist eine vergleichsweise sehr risikoarme Behandlung. Gewisse Risiken lassen sich jedoch auch bei kunstgerechter Anwendung nicht völlig ausschließen. So kann es z.B. bei schon bestehenden Bandscheibenvorwölbungen oder einem bis dahin nicht bekannten Bandscheibenvorfall in seltenen Fällen zu einer Nervenwurzelschädigung mit Schmerzausstrahlung, Gefühlsstörungen oder - noch seltener - zu Lähmungserscheinungen im Bereich der Arme oder Beine kommen. Das könnte in einem solchen Fall jedoch auch durch alltägliches Verhalten wie z.B. Niesen, Bücken oder das Anheben einer Last ausgelöst werden. Tritt ein solches Ereignis aber ein, kann eine stationäre Behandlung und gegebenenfalls eine Bandscheibenoperation notwendig werden. Noch wesentlich seltener kann es bei der Manipulation der Halswirbelsäule zu einer Schädigung der
Halswirbelsäulenschlagader (Arteria vertebralis) kommen. Dadurch ist es möglich, dass Einblutungen in der Gefäßwand auftreten oder Blutgerinnsel gebildet werden, die das Gefäß ganz oder teilweise verstopfen. Diese Gerinnsel können sich unter Umständen auch ablösen und durch die Verlegung Hirn versorgender Blutgefäße zu einer Schädigung der entsprechenden Hirnabschnitte führen. Es handelt sich hierbei um eine gefährliche Komplikation, die lebensbedrohlich sein kann und eine sofortige Versorgung im Krankenhaus erfordert. Eine neuere amerikanische Studie legt den Schluss nahe, dass es sich bei diesen sehr seltenen Fällen um Menschen handelt, die veranlagungsbedingt ein anfälligeres Bindegewebe haben. Bei diesen Patienten könnte also auch normales Alltagsverhalten, wie das Wenden des Kopfes beim Rückwärtsfahren, zu einer solchen Komplikation führen.

Die Ausbildung des Chiropraktors

Aus dem oben Gesagten ist leicht zu verstehen, dass ein Chiropraktor eine sehr qualifizierte Ausbildung benötigt und über viel Erfahrung verfügen muss, um seine Patienten sicher und effektiv behandeln zu können. Kurse von wenigen Tagen oder Wochen können allenfalls einen kleinen Einblick in einige technische Aspekte der Arbeit vermitteln. Ausreichende Kenntnisse um den Beruf des Chiropraktors auszuüben, können so keinesfalls erworben werden. Die Ausbildung von Chiropraktoren erfolgt weltweit nach einheitlichen, international gültigen Standards,deren Einhaltung von unabhängigen Gremien regelmäßig überprüft wird. Da in Deutschland bisher noch keine international anerkannte Ausbildung möglich ist, müssen künftige Chiropraktoren an ausländischen Colleges studieren. Anerkannte Colleges für Chiropraktik gibt es u.a. in den USA, Kanada, Australien, Südafrika, Großbritannien, Dänemark und Frankreich. Es handelt sich meist um private Hochschulen,von denen einige mit staatlichen Universitäten verbunden sind. Im Grundstudium sind die Inhalte denen des Humanmedizinstudiums sehr ähnlich. Von Anfang an jedoch erfolgt eine Spezialisierung auf den Bewegungsapparat. Voraussetzung für die Zulassung deutscher Bewerber ist das Abitur. Je nach Hochschule dauert das Studium 4 bis 7 Jahre. In den USA und Kanada erhält der erfolgreiche Absolvent den Grad des Doctor of Chiropractic (D.C.), in Großbritanien wird der akademische Titel Bachelor of Science (BSc) bzw. Master of Science (MSc) in Chiropractic verliehen. Anschließend folgt eine mindestens einjährige Assistenzzeit bei einem erfahrenen niedergelassenen Chiropraktor. Erst dann darf ein vom deutschen und den internationalen Fachverbänden anerkannter Chiropraktor eine eigene Praxis eröffnen.

Wie ist die rechtliche Stellung der Chiropraktik in Deutschland ?

Anders als in anderen europäischen Ländern (Großbritannien, Belgien, Schweiz, Dänemark, Schweden, Norwegen ) ist die Chiropraktik in Deutschland bisher nicht als eigenständiger Heilberuf gesetzlich anerkannt. Aus diesem Grund müssen auch graduierte Chiropraktoren hierzulande nach dem Heilpraktikergesetz zugelassen sein, da nur Heilpraktikern und Ärzten die Anwendung chiropraktischer Behandlungsmethoden erlaubt ist. Die Behandlungskosten werden von den meisten privaten Krankenkassen sowie den staatlichen Beihilfestellen übernommen.
Gesetzlich versicherte Patienten müssen ihre Rechnung leider selbst bezahlen. Die in Deutschland arbeitenden Chiropraktoren haben sich im "Verband Graduierter Chiropraktoren Deutschlands e.V." zusammengeschlossen. Dieser Verband vertritt den Berufsstand nach außen sowie in allen wichtigen internationalen chiropraktischen Organisationen, wie z.B. der European Chiropractors'Union (ECU) und der World Federation Of Chiropractic (WFC), die auch offizielle Kontakte zur Weltgesundheitsorganisation (WHO)unterhält. Adressen von Chiropraktoren, die Mitglied im deutschen Berufsverband sind, können über das Internet (www.chiropraktik.de) ermittelt werden.